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Nach monatelanger Konsultation zieht Großbritannien die Reißleine: Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren dürfen ab Frühjahr 2027 keine sozialen Medien mehr nutzen. Premierminister Keir Starmer sprach bei der Ankündigung am 15. Juni von einem „großen Tag für unser Land" und begründete den Schritt mit den negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit Heranwachsender. „Soziale Medien machen Kinder unglücklich", sagte Starmer laut BBC-Bericht.

Die Regierung folgt damit dem Vorbild Australiens, das im Dezember 2025 als erstes Land weltweit ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hatte. Die geplanten britischen Regelungen gehen jedoch in Teilen noch weiter und werden in der Presse bereits als „Australia Plus" bezeichnet.

Was genau ist geplant

Das Verbot erfasst Plattformen, deren Hauptzweck die soziale Interaktion und das Teilen von Inhalten ist. Dazu gehören nach Regierungsangaben TikTok, YouTube, Snapchat, Instagram, Facebook und X (ehemals Twitter). Auch Reddit, Twitch, Threads und Kick sollen betroffen sein, wie die Tagesschau berichtet. Ausdrücklich ausgenommen sind Messaging-Dienste wie WhatsApp und Signal, da sie der privaten Kommunikation mit bekannten Kontakten dienen. Auch YouTube Kids, eine kindersichere Version der Videoplattform, fällt nicht unter das Verbot.

Die Regierung will die entsprechende Gesetzgebung noch vor Weihnachten 2026 durch das Parlament bringen. Die erste Verordnung soll im Frühjahr 2027 in Kraft treten, wie Ministerin Liz Kendall in einer Regierungserklärung erläuterte.

Massive öffentliche Unterstützung

Der Entscheidung vorausgegangen war eine der größten öffentlichen Konsultationen der britischen Regierungsgeschichte. Von März bis Mai 2026 konnten Eltern, Kinder und Vertreter der Technologiebranche Stellungnahmen abgeben. Insgesamt gingen rund 116.000 Rückmeldungen ein, mehr als nur bei der Befragung zur gleichgeschlechtlichen Ehe im Jahr 2012. Das Ergebnis war eindeutig: Neun von zehn Eltern befürworteten ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige, wie aus einem Fact-Sheet der Regierung hervorgeht. Auch zwei Drittel der befragten Jugendlichen sprachen sich dafür aus, dass Gleichaltrige zumindest bestimmte Plattformen nicht nutzen sollten.

Weltweit führende Zusatzmaßnahmen

Großbritannien beschränkt sich nicht auf ein bloßes Social-Media-Verbot. Die Regierung kündigte zusätzliche Schutzmaßnahmen an, die in dieser Kombination weltweit einmalig sind. Livestreaming und die Kommunikation mit Fremden werden für unter 16-Jährige plattformübergreifend verboten, auch auf Gaming-Plattformen. Für 16- und 17-Jährige werden diese Funktionen standardmäßig deaktiviert, um einen abrupten Wegfall des Schutzes mit Vollendung des 16. Lebensjahres zu vermeiden. Zudem prüft die Regierung nächtliche Zugangssperren und Unterbrechungen des unendlichen Scrollens für Minderjährige. In einem weiteren Novum verbietet Großbritannien als erstes Land der Welt KI-Chatbots, die sexuelle Inhalte anbieten, für unter 18-Jährige, so der SPIEGEL.

Die Durchsetzung der neuen Regeln obliegt der Kommunikationsregulierungsbehörde Ofcom, die bereits für die Durchsetzung des Online Safety Act zuständig ist. Die Regierung hat Ofcom aufgefordert, innerhalb weniger Monate wirksame Methoden zur Altersverifikation vorzulegen. Diese könnten von der Überprüfung bestehender Konten über Kreditkartenverknüpfungen bis hin zu Gesichtserkennung reichen.

Kritik und Umsetzungshürden

Trotz der breiten Unterstützung gibt es auch Kritik. Forscher der Universität Oxford wiesen darauf hin, dass es kaum direkte Belege dafür gebe, dass eine reine Altersgrenze die psychische Gesundheit verbessere. Zudem zeigten Erfahrungen aus Australien, dass viele Jugendliche das Verbot mithilfe von VPN-Diensten oder gefälschten Geburtsdaten umgehen konnten. Die US-Regierung sprach sich in einer Stellungnahme gegen „pauschale Beschränkungen" aus und plädierte für bessere Technologien als Lösung, wie die FAZ berichtet.

Kritiker befürchten zudem, dass ein Verbot der großen Mainstream-Plattformen Kinder in dunklere, weniger regulierte Ecken des Internets treiben könnte, wo sie noch geringerem Schutz ausgesetzt wären.

Fazit

Großbritannien positioniert sich mit dem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige als Vorreiter im Kinderschutz und geht über das australische Modell hinaus. Ob die Maßnahmen tatsächlich halten, was sie versprechen, wird maßgeblich von der Qualität der Altersverifikation und der Durchsetzung abhängen. Die internationale Dimension ist beachtlich: Neben Australien und Großbritannien erwägen auch Kanada, Frankreich, Spanien, Norwegen und weitere Länder ähnliche Schritte. In Deutschland erarbeitet derweil eine Expertenkommission Empfehlungen, die Ende Juni vorgestellt werden sollen.