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Der Einstieg in die Welt der humanoiden Roboter war für Nvidia kein leiser. Auf der Computex in Taiwan kündigte CEO Jensen Huang Ende Mai eine weitreichende Ausweitung der Robotik-Partnerschaften an. Neben dem bereits bekannten strategischen Bündnis mit Unitree aus China sollen Hersteller in den Vereinigten Staaten, Europa und Südkorea folgen. Das berichtet Reuters unter Berufung auf Unternehmenskreise.

H2 Plus: Nvidias erster Referenzroboter für die Forschung

Herzstück der Zusammenarbeit ist der H2 Plus, ein auf dem Unitree-H2-Chassis basierender humanoider Roboter, der speziell für akademische Forschungseinrichtungen entwickelt wurde. Die technische Ausstattung kann sich sehen lassen: Mit einer Größe von knapp 1,80 Metern und einem Gewicht von rund 68 Kilogramm verfügt der H2 Plus über 31 Freiheitsgrade im Körper und 22 in den Händen – ermöglicht durch die fünf Finger greifenden Hände des singapurischen Spezialisten Sharpa.

Angetrieben wird die Plattform vom Nvidia Jetson Thor, einem Hochleistungs-Chip für Echtzeit-Sensorverarbeitung und KI-Inferenz direkt am Roboter. Hinzu kommt die offene Software-Plattform Isaac GR00T, die Forscherteams von der Datenerfassung über Simulation bis hin zum Deployment von Robotik-Modellen unterstützt.

„H2 Plus kombiniert Unitrees humanoiden Roboter mit Nvidia Jetson Thor und der Nvidia Isaac GR00T Entwicklungsplattform“, erklärte Unitree-CEO Wang Xingxing. „Das gibt Entwicklungsteams einen validierten Startpunkt, um Roboterfertigkeiten zu entwickeln und in reale Anwendungen zu bringen.“

Stanford University und die University of California San Diego gehören nach Angaben von Nvidia zu den ersten Einrichtungen, die das System nutzen werden.

Sicherheit als Designprinzip

Ein besonderes Augenmerk legt Nvidia auf die Cybersicherheit der Roboterplattform. Sämtliche Software-Updates müssen künftig durch einen Nvidia-Chip autorisiert werden, der die Authentizität des Codes prüft. Das System nutzt Secure-Boot- und Confidential-Computing-Funktionen, um das Risiko von Schadcode oder unbefugtem Datenzugriff zu minimieren.

Dieser Schritt ist auch vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen zu sehen. US-Gesetzgeber hatten zuletzt Bedenken wegen der engen Verbindungen von Unitree zur chinesischen Regierung und zu militärischen Strukturen geäußert. Ein Gesetzesvorschlag sieht sogar vor, Forschern mit staatlicher Förderung die Nutzung von Unitree-Robotern zu untersagen. Nvidia umgeht dieses Risiko, indem es die Sicherheitskontrolle über die eigene Chip-Infrastruktur sicherstellt und gleichzeitig Partnerschaften in anderen Regionen aufbaut. Konkrete Partner in den USA, Europa und Südkorea nannte das Unternehmen bislang nicht – die Gespräche liefen jedoch, hieß es aus Unternehmenskreisen.

Physical AI als Milliardengeschäft

Die strategische Bedeutung der Initiative unterstrich Jensen Huang in seiner Computex-Keynote. Humanoide Roboter, so Huang, würden dabei helfen, physical AI in große Industriezweige zu bringen und ein „multibillionenschweres wirtschaftliches Chancenfeld“ zu erschließen. Es ist nicht das erste Mal, dass Nvidia den Bereich der Robotik als strategisches Wachstumsfeld adressiert: Bereits mit der Isaac-Plattform und diversen KI-Frameworks hat der Konzern die Grundlagen für autonome Maschinen gelegt.

Der Markt für humanoide Roboter befindet sich noch in einer frühen Phase, wächst jedoch rasant. Branchenbeobachter rechnen mit einem jährlichen Wachstum von über 50 Prozent in den kommenden Jahren. Neben Nvidia drängen auch andere Tech-Riesen in das Segment: Tesla entwickelt seit Jahren den humanoiden Roboter Optimus, während chinesische Hersteller wie Unitree und UBTech zunehmend kommerzielle Modelle auf den Markt bringen. BMW hat erst kürzlich ein Pilotprojekt mit humanoiden Robotern im Leipziger Werk gestartet, ein Zeichen dafür, dass die Technologie langsam in der Industrie ankommt.

Der H2 Plus soll voraussichtlich Ende 2026 verfügbar sein. Einen Preis nannte Nvidia bislang nicht, die Plattform richtet sich jedoch primär an Forschungseinrichtungen und Entwicklungslabors. Interessant ist der offene Ansatz: Anders als bei proprietären Systemen setzt Nvidia auf einen standardisierten Baukasten, der es ermöglicht, Robotik-Forschung zu demokratisieren und weltweit vergleichbare Ergebnisse zu erzielen.

Werden die Pläne von Nvidia Realität, könnte der Konzern auch in der Robotik die Rolle einnehmen, die er im KI-Training bereits innehat: den zentralen Infrastrukturlieferanten, ohne den kaum etwas läuft. Vom Chip über die Entwicklungsumgebung bis hin zur Sicherheitsinfrastruktur – Nvidia liefert das komplette Ökosystem.

Fazit

Mit der globalen Ausweitung seiner Humanoid-Roboter-Partnerschaften positioniert sich Nvidia als zentraler Plattformanbieter für die nächste Welle der physical AI. Der H2 Plus kombiniert moderne Roboterhardware mit Nvidias Chip- und Software-Know-how und adressiert gleichzeitig Cybersicherheits- und geopolitische Anforderungen. Für Forschungseinrichtungen entsteht damit erstmals eine standardisierte, offene Entwicklungsplattform – ein potenzieller Katalysator für die gesamte Branche.

BMW startet Pilotprojekt mit humanoiden Robotern in Leipzig
Die BMW Group setzt erstmals in Europa humanoide Roboter in der Serienproduktion ein. Im Werk Leipzig unterstützt der Roboter AEON von Hexagon Robotics die Montage von Hochvoltbatterien und Komponenten.