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Am 8. Juni 2026 bestätigte OpenAI in einem ungewöhnlich kurzen Blogeintrag, dass das Unternehmen vertraulich einen Entwurf des sogenannten S-1-Prospekts bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hat. „Wir rechnen damit, dass es durchsickert, also kündigen wir es einfach an", schrieb das Unternehmen – sachlich und fast schon trocken für ein Ereignis, das als eines der bedeutendsten Börsendebüts der Tech-Geschichte gehandelt wird. Wie TechCrunch berichtete, folgt OpenAI damit seinem Hauptrivalen Anthropic, der bereits am 1. Juni 2026 ebenfalls einen vertraulichen IPO-Antrag gestellt hatte. Das Rennen um die Börse ist eröffnet.
Was bedeutet ein „vertraulicher“ Börsengang?
Ein vertraulicher S-1-Antrag erlaubt es Unternehmen, die Vorbereitungen für einen Börsengang zu starten, ohne dabei sofort detaillierte Finanzinformationen oder Geschäftsrisiken öffentlich offenlegen zu müssen. Weder ein Ausgabepreis noch die Anzahl der angebotenen Aktien wurden bislang bekannt gegeben. OpenAI betonte in seiner Mitteilung, dass noch keine Entscheidung über den genauen Zeitpunkt getroffen wurde. Es könnte noch eine Weile dauern, schrieb das Unternehmen, „weil es Dinge gibt, die wir als privates Unternehmen noch erledigen möchten.“
Gigantische Bewertung, gigantischer Burn
OpenAI war zuletzt mit rund 852 Milliarden US-Dollar bewertet, nach einer Finanzierungsrunde Ende März 2026, die mit 122 Milliarden Dollar die größte in der Geschichte des Silicon Valley war. Drei Milliarden davon kamen dabei direkt von Privatanleger:innen über Bankkanäle. Analysten und Sekundärmärkte sprechen inzwischen von einer potenziellen Börsenbewertung von über einer Billion Dollar.
Doch hinter den beeindruckenden Zahlen verbirgt sich eine ernüchternde Kehrseite: OpenAI verbrennt massiv Kapital. Laut einem Bericht des Wall Street Journal soll das Unternehmen allein im Jahr 2028 rund 85 Milliarden Dollar ausgeben – selbst wenn der Umsatz bis dahin verdoppelt wird. Einen positiven Cashflow erwartet OpenAI nicht vor 2030. CFO Sarah Friar soll intern Bedenken geäußert haben, ob das Unternehmen seinen enormen Bedarf an Rechenkapazitäten dauerhaft finanzieren kann. Trotzdem zählt ChatGPT mit rund 900 Millionen wöchentlichen Nutzer:innen zu den meistgenutzten KI-Anwendungen weltweit.
Anthropic als Rivale und Maßstab
Das Timing des IPO-Antrags ist kein Zufall. Anthropic, gegründet von ehemaligen OpenAI-Mitarbeiter:innen und bekannt für seinen KI-Assistenten Claude, hatte nur eine Woche zuvor ebenfalls vertraulich seine Börsenunterlagen eingereicht. Das Unternehmen nähert sich laut einem Reuters-Bericht seinem ersten Quartalsgewinn und präsentiert Investor:innen damit eine deutlich positivere Finanzstory als OpenAI.
Auf dem Sekundärmarkt, der Einblicke in die Stimmung der Investor:innen gibt, notiert Anthropic inzwischen bei rund einer Billion Dollar Bewertung – und hat damit OpenAI auf der Plattform Forge Global überholt. David Shapiro, Gründer und CEO von OpenVC, sagte gegenüber TechCrunch, dass Anthropics Wertsteigerung in diesem Jahr mit 123 Prozent die von OpenAI (11,3 Prozent) bei Weitem übersteige. Dennoch beobachte er auch für OpenAI weiterhin starkes Interesse auf dem Sekundärmarkt.
Das Rennen um den ersten Platz
Neben OpenAI und Anthropic plant auch SpaceX, das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk, seinen Börsengang – mit einer erwarteten Bewertung von 1,75 Billionen Dollar. Wer als erstes debutiert, könnte entscheidend sein: Branchenbeobachter:innen gehen davon aus, dass das erste der drei Unternehmen am Kapitalmarkt einen erheblichen Vorteil bei der Investorengewinnung haben wird, zumal das für KI-Firmen verfügbare Kapital zunehmend knapper wird.
Hinzu kommt, dass Anthropics Offenlegungen in seinem IPO-Prospekt eine Bewertungs-Benchmark setzen werden, an der sich OpenAI bei seiner eigenen Preisfindung messen lassen muss – ein Faktor, den OpenAI intern nicht außer Acht lassen kann.
Kontroversen im Gepäck
Der Börsengang kommt nicht ohne Belastungen. OpenAI ist derzeit in mehrere Rechtsstreitigkeiten verwickelt, darunter eine Klage des US-Bundesstaates Florida, laut der das Unternehmen und CEO Sam Altman Minderjährige geschädigt haben sollen. Im Mai 2026 verlor Elon Musk zudem seinen langjährigen Rechtsstreit gegen OpenAI und Altman, nachdem ein Gericht seine Klage wegen angeblicher Verletzung der gemeinnützigen Unternehmensversprechen abgewiesen hatte. Auch die politischen Spenden von Unternehmenspräsident Greg Brockman – an pro-KI-PACs und einen Pro-Trump-Superfond – haben OpenAI zuletzt negative Schlagzeilen beschert.
Wenn der Hype auf die Realität trifft
OpenAI steht vor einem der schwierigsten Balanceakte, den ein Tech-Unternehmen an der Börse bewältigen muss: Es ist das bekannteste KI-Unternehmen der Welt, mit einer der größten Nutzerbasen im Consumer-KI-Segment. Gleichzeitig verbrennt es Kapital in einem Tempo, das selbst optimistische Investor:innen nachdenklich stimmen sollte, und der Weg zur Profitabilität ist noch weit. Das Rennen gegen Anthropic verleiht dem ganzen Prozess zusätzlichen Druck. Wer von beiden zuerst an der Börse landet, wer den besseren Preis bekommt und wer das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnt – das sind die eigentlichen Fragen hinter diesem Börsengang. Die Antworten werden die KI-Branche noch lange beschäftigen.